... also kaufte ich mir eine U-Bahnkarte für das Wochenende und einen Plan. Welche Haltestelle ich nehmen musste, hatte sie mir oft genug erzählt; sie wohnte in der Nähe vom Schlesischen Tor. Ich suchte mir die Strecken heraus, versuchte es mir zu merken, wann ich wohin umsteigen musste, und zog los. Es klappte alles erstaunlich gut; das hatte ich mir viel schwieriger vorgestellt, mich im U-Bahn Netz unserer Bundeshauptstadt zurechtzufinden. Sehr schnell stand ich vor dem Haus, wo Anke mit ihrem derzeitigen “Lebensabschnittsgefährten” wohnte. In der Liebe auf Dauer festlegen hatte Anke sich noch nie wollen; sie hatte ihre Männer immer nur sehr vorübergehend. Heiraten kam für sie gar nicht in Frage. Der aktuelle Lover hieß Udo, soviel wusste ich. Kennengelernt hatte ich ihn allerdings bisher noch nicht. Immerhin musste dann also der Mann, der mir die Tür zur Wohnung öffnete, eben jener Udo sein.
Er sah gar nicht schlecht aus; ganz im Gegenteil – irgendwie war er genau mein Typ. Etwas größer als ich, aber nicht zu groß, schlank, aber nicht dürr, sondern mit ein bisschen Muskeln, dunkle Haare, blaue Augen. Lediglich das Lächeln fehlte, das man zur Begrüßung eigentlich erwarten sollte. Udo sah eher aus wie sieben Tage Regenwetter. Nachdem er mich lediglich anstarrte und kein Wort sagte, sprudelte ich schnell hervor, ich sei Inga, Ankes Freundin – und ich sei übers Wochenende eingeladen. Falls möglich, schaute Udo noch grimmiger drein.
“Da wirst du Pech haben”, meinte er düster. “Anke und ich, wir haben uns vorhin gestritten. Dann hat sie ihre Mutter angerufen und ist einfach abgehauen.”
Du liebe Güte – jetzt platzte ich auch noch mitten in einen Beziehungsstreit hinein! Und hatte ich das richtig verstanden – Anke selbst war gar nicht da? Sie war bei ihrer Mutter? Also praktisch über das Wochenende weg, denn die wohnte in München? Aber was sollte ich denn dann jetzt machen? Einfach wieder zurückfahren? Dann hätte ich ja das Geld für die Fahrkarte echt zum Fenster hinaus geworfen!
“Komm erst mal rein”, sagte Udo und trat einen Schritt zurück. Ich war total sauer auf Anke. Deshalb hatte ich gar nichts dagegen, dass Udo, als er uns erst mal einen Kaffee gekocht hatte, sich regelrecht bei mir ausheulte, wie unmöglich diese Frau war. Ich konnte ihm in diesem Augenblick nur absolut beipflichten. Wie es sich dann genau alles ergeben hat, kann ich gar nicht mehr genau sagen. Ich glaube, begonnen hat es damit, dass ich Udo einfach nur tröstend in den Arm genommen habe, weil er so total verzweifelt aussah.
Er hat sofort den Kopf an meine Schulter gelehnt. Ich habe seinen Duft tief eingeatmet. Er roch so wunderbar nach Mann. Wahrscheinlich hatte er einfach nur an diesem Tag noch nicht geduscht …
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